Hunde und Menschen

Die Mensch-Hund-Beziehung

Seit Jahrtausenden gilt der Hund als "Begleiter" des Menschen, er wurde vom Menschen für dessen Zwecke "geschaffen". Ob nun der Hund vom Wolf abstammt oder nur mit diesem verwandt ist, darüber mögen die Wissenschaftler streiten. Fakt ist, dass der Mensch den Hund durch gezielte Zucht zu dem gemacht hat, was er heute ist. Aus rein egoistischen Gründen wurde der Hund "zweckgebunden" entwickelt, dadurch entstanden die verschiedenen Rassen. Der Hund diente dem Menschen als Werkzeug (Arbeits- oder Gebrauchshund), als Nahrungsmittel und Fell-Lieferant, als Diener (Assistenzhunde), als Waffe (Wach- und Schutzhunde) usw. Er wurde zu allem gebraucht, wozu der Mensch allein nicht fähig war und ist. Heute sind die meisten Hunde Psychologen oder Therapeuten (Familienhunde, Therapiehunde, Begleithunde) - sie dienen dem Menschen als Trost, Kinderersatz, Partner-Ersatz, Kindermädchen, zur Steigerung des menschlichen Selbstbewusstseins, als Statussymbol, Sportgerät oder medizinisch zur Therapie.
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  Aus unserem Sprachgebrauch geht schon hervor, wie wir wirklich zu den Hunden stehen: Gebrauchshund - Arbeitshund - Begleithund - Wach- und Diensthund - Unterordnung - Sporthund u. v. m. Der Hund ist ein lebender Gebrauchsgegenstand. Er dient uns in jeder Weise - sei es, um unser Selbstbewusstsein zu stärken, unsere Einsamkeit zu teilen, Verluste zu verarbeiten, Lücken im menschlichen Sozialleben zu füllen - der Hund ist und bleibt "zweckgebunden". Wir haben den Hund so entwickelt, dass er allein kaum überlebensfähig ist (selbst Streuner halten sich vorwiegend in der Nähe von Menschen auf). Dennoch braucht der Hund uns Menschen nicht - wir Menschen brauchen den Hund! Das sollte uns stets klar sein. Sicher lieben wir unsere Hunde. Auch an unserem natürlichen Egoismus ist nichts Schlechtes, denn nur wer etwas hat, kann etwas geben. Auch Tiere sind egoistisch, auch sie müssen zunächst ihre Bedürfnisse so weit als möglich stillen, bevor sie etwas "geben" können. Unser Egoismus ist also völlig natürlich. Unnatürlich ist es dann, wenn wir die Tiere so weit manipulieren, dass nur aus unserem menschlichen Schönheitswahn, Qualzuchten entstehen (völlig haarlose Hunde, die viel zu weit herausstehenden Augen von Pekinesen, Shitsus, und anderen Rassen). Der Mensch weiß halt nie, wo seine Grenzen sind. Dennoch lieben wir unsere Hunde - wir sollten das den Tieren jedoch auch zeigen, nicht indem wir sie nach Gutdünken bewusstlos knuddeln, sie mit Leckereien zustopfen, ihnen ein "menschliches" Leben bieten. Wir sollten im Gegenzug unserem Hund all das geben, was er braucht um ein glückliches und zufriedenes Leben an unserer Seite führen zu können. Das heißt nicht, dass wir nur seine Grundbedürfnisse wie Futter, Wasser, Auslauf erfüllen sollen - ein Hund braucht so viel mehr: Futter Wasser Med. Betreuung Bewegung Schlaf Ruhe Spiel Betätigung Gesellschaft Artgenossen Liebe Bindung Freundschaft Treue Verlässlichkeit Klare Regeln Rückzugsmöglichkeit Verständnis Ausleben seiner Gefühle Ausleben seiner Instinkte Ein Hundeleben führen zu dürfen Eine Heimat Sicherheit Eine verständliche Sprache Respekt Vertrauen Schutz Bestätigung Anleitung Nur wenn wir unserem Hund all diese Bedürfnisse erfüllen, können wir behaupten, dass wir ihm für seine "Tätigkeiten" den gerechten Lohn zahlen. Sein Leben mit einem Hund zu teilen, bedeutet, ihm ein "hundegerechtes" Leben zu bieten, seine Bedürfnisse zu erfüllen, ihn mit den Gegebenheiten der menschlichen Zivilisation vertraut zu machen, ihn zu beschützen. Wenn sich jemand entschließt, einen Hund zu adoptieren, hat er meist eine sehr genaue Vorstellung davon, was der Hund für ihn tun oder sein soll. Man sollte sich aber zunächst einmal fragen, was man für den Hund tun und sein will. Nur wer alle o. g. Bedürfnisse des Hundes erfüllen will und kann, sollte sich entschließen, mit einem Hund sein Leben zu teilen. Einen Hund "auf Probe" zu nehmen, oder gar mit "Umtauschrecht", degradiert das Tier zu einem Gegenstand, den man beliebig austauschen kann. Wer sich entschließt, ein Kind in die Welt zu setzen, hat ja auch kein "Umtauschrecht". Was, wenn das gewünschte Kind kein Junge ist, wie bestellt? Was, wenn das gewünschte Kind eine Behinderung hat? Tauscht Du es dann um? Wohl kaum. Mit einem Hund zu leben, heißt aber auch, mit ihm eine Symbiose einzugehen. (Unter einer Symbiose versteht man eine Lebensgemeinschaft verschiedener Arten zum gegenseitigen Nutzen). Gewalt jeglicher Art, sei sie psychisch (das wird heute gerne unter dem Deckmäntelchen des "Hundeflüsterns" verkauft) oder physisch (die Art der Alpha- oder Dominanzvertreter) schließt eine Symbiose aus. Will man einem Hund ein artgemäßes Leben bieten, so ist die Basis "Verständigung". Verständigung heißt jedoch nicht, dass man sich in der "Sprache" des Hundes unterhält (kein Mensch kann die feine Gestik, die sensible Körpersprache eines Hundes auch nur annähernd imitieren) - Verständigung heißt, dass man dem Hund unsere "Sprache" beibringt. Es gibt tatsächlich Menschen, die ihren Hund stundenlang angähnen, um ihm die menschliche Gutmütigkeit nahe zu bringen. Die Methode der "Calming Signals" hat bei einigen Menschen zu merkwürdigen Auswüchsen geführt. Der Mensch macht es sich gerne leicht - er will für alles ein System, dem er blind folgen kann. Hat man es mit Lebewesen, dazu noch mit intelligenten Lebewesen, zu tun, kann dies nur schief gehen. Jeder Hund ist ein Individuum, eine eigenständige Persönlichkeit - mit unnachahmlichem Charakter, individuellen Eigenschaften und muss demnach auch so behandelt werden. Es gibt Richtlinien in der Erziehung eines Hundes, viele verschiedene Wege und Möglichkeiten - aber kein wirkliches System. Es gibt viele verschiedene Methoden, jedoch nur eine, die immer funktioniert: Partnerschaft durch Verständigung!

9.7.07 10:54, kommentieren

Sprache, Verständigung, Wahrnehmung

Wir Menschen bleiben gerne bei unserem Irrglauben, Tiere könnten nicht sprechen. Mit "Sprache" meinen wir nur Sätze mit menschlichen Lauten. Tiere besitzen im Gegensatz zu uns (bei uns Menschen völlig verkümmert, aber teilweise noch vorhanden) vielfältige Sprachmöglichkeiten. Leider verstehen die Menschen die Sprachen nicht - viele wollen sie auch nicht verstehen. Wenn Menschen beim Lächeln die Zähne zeigen, kann das echt sein oder Heuchelei. Wenn ein Hund die Zähne zeigt, ist das keineswegs geheuchelt sondern eine echte Drohung. Mensch und Hund können aber voneinander die "Sprachen" erlernen.




Halten wir zunächst einmal für uns fest, dass der Hund ein sehr gutes Gehör hat, er hört wesentlich höhere Töne als wir und jeder Laut ist für den Hund um ein Vielfaches lauter als für uns. Schreien oder Brüllen sind demnach nicht nur überflüssig sondern schädlich. Wenn wir immer nur laut mit unserem Hund sprechen oder ihn gar ständig mit lauten Kommandos traktieren, erreichen wir nur, dass er abstumpft. Außerdem verrät Schreien nur die Unsicherheit, und das nicht nur dem Hund. Denke daran, wer schreit, hat Unrecht!

Die deutsche Sprache ist sehr hart, zischend. Sie ist eine hervorragende Dienstsprache, der Deutsche kommandiert gern: Für den Hund, insbesondere während der Sprach-Lern-Phase klingen die üblichen Kommandos wie "Sitz", "Platz", "Fuss" zu ähnlich - gerade der lernende Hund kann diese Kommandos, die schon leise gesprochen alle sehr zischend klingen, wie eine Drohung. Im Englischen klingen die Worte sehr unterschiedlich: "Sit" für Sitz und Down für Platz sind für den Hund leichter zu unterscheiden. Außerdem klingt Down beruhigend und keineswegs scharf. Wenn also schon die deutsche Sprache für Hörzeichen verwendet wird, dann sollte stets leise und moderat gesprochen werden. Nur wenn man grundsätzlich leise spricht, kann man bei Bedarf den Ton verschärfen oder etwas lauter werden. Das "Platz" sollte zudem dann lang gezogen ausgesprochen werden - "Plaaaatz" und beruhigend klingen.

Bevor Du mit Deinem Hund arbeitest, übe, die Gebote und Verbote sprachlich deutlich - leise - voneinander zu unterscheiden. Jedes denkende Lebewesen stumpft ab, wenn Gebote und Verbote immer gleich klingen. Der lernende Hund braucht die klangliche Unterscheidung umso mehr. Je länger ein Hund bei uns lebt, umso mehr lernt er, die Worte zu unterscheiden. Dabei achtet er sehr auf den kleinsten Tonfall, die Gestik und Mimik, die unsere Worte (meist unbewusst) begleiten.

Monoton oder aus Unsicherheit einen ganzen menschlichen Satz in die Hörzeichen eingebaut, kann der lernende Hund nicht verstehen - er folgt dann vielleicht nur aus Angst, blindem Gehorsam, Druck oder Einfühlungsvermögen. Nach einigen Jahren der Gemeinsamkeit kann der Hund dann wahrscheinlich heraushören, was gemeint ist. Bis dahin war es für ihn jedoch ein adrenalinreiches Leben.

Mit dem Hund kann ich natürlich in ganzen Sätzen sprechen - wenn es aber darauf ankommt, dass der Hund sofort reagiert, benutze ich eindeutige klare Hör- oder Sichtzeichen.
Wenn jedoch mehrere Menschen gleichzeitig einen Hund erziehen wollen, kann das nur schief gehen - jeder spricht in einer anderen Weise mit dem Hund, der dann jeweils das tut, was er gerade für sich heraus hört.
Und das wird immer das sein, was für ihn angenehm ist. Natürlich läuft ein Hund lieber ohne Leine, sogar ohne Halsband, aber zu seinem Schutz und zum Schutz anderer geht es oft nicht ohne diese Hilfsmittel. Schlimmste Folge: Er rennt in ein Auto oder er springt ein Kind an. Das kostet nicht nur, es erzeugt Hass

Der Hund ist nicht schuld, denn er lernte es nicht besser. Man sieht und hört die eklatantesten Fehler immer wieder: Der Hund wird bestraft, wenn er herkommt. Auch wenn er auf einen gebrüllten Befehl nicht folgt: Der Hund verknüpft nur das unmittelbare Tun. Warum sollte er auf diesen furcht erregenden Ton hereinfallen und dann, wenn er es doch tut, auch noch bestraft werden? Da wäre er ganz schön bescheuert. Und diesen Fehler macht er nur einmal.

Also: für die Erziehung und Ausbildung des Hundes ist immer nur EINER zuständig!

Loben muss man können. Wo und wie loben? Das Wichtigste: Das Lob muss ernst gemeint sein, also nur nach erbrachter (und nicht nur angedeuteter) Leistung - und kein Selbstlob! Manche tragen prall gefüllte Leckerle-Tüten mit sich und verteilen rundum und alle Minuten. Das ist nur Eigensucht: "Guckt nur, alle Hunde kommen zu mir!" Die Hunde nehmen es, klar, aber nicht als Lob.

Du willst doch auch nicht ständig durch leichte Schläge auf den Hinterkopf geärgert werden? Also lobe (kraulen, streicheln) den Hund dort, wo er es ebenfalls als Lob empfindet: am Nacken, an der Kruppe (Schwanzansatz), am Bauch, weniger am Hals. Hinter den Ohren kraulen mag nicht jeder Hund. Es sind empfindsame Stellen. Augenpartien, Ohrlappen, Genitalien und Ruten sind als Lobeszonen tabu. Und zwar besonders für Kinder und Fremde. Das sind die sensibelsten Zonen bei einem Hund.

Das heißt nicht, dass Du den Hund auch noch loben sollst, wenn er das Gebot nicht beachtete und irgendwann einmal doch herkommt. Ignoriere es und korrigiere es durch verstärkte Anregung, damit er freudiger zu Dir kommt. Spielzeuge, Stöckchen, ein gespieltes Rückwärtsrennen von Dir hilft. Du mußt ihn überzeugen, dass Du interessanter bist als der Hund da drüben.

Die meisten Halter verwechseln das Loben beim richtigen Anlass zum richtigen Zeitpunkt mit Verknuddeln. Dies versteht der Hund als Spielaufforderung und nicht als Lob. Richtig: Wenn er - nach Deinem verständlichen Zeichen - was korrekt ausgeführt hat, und nicht nur angetäuscht, dann mit der freien Hand kurz an der Flanke oder am Hals drüberfahren, eventuell mit einem lobenden Wort. Basta. Wer ihm vermeintlich freundlich einen Klaps gibt, munter ihn zum Spiel auf oder löst seine korrekte Ausführung vorzeitig auf. Ähnliche Missverständnisse kennst Du ja: der joviale Schulterschlag unter Menschen. Kann das Gegenteil von Lob bedeuten.

Dein Hund wird spontaner und freudiger zu Dir kommen, wenn er Angenehmes erwarten kann und keinen Anschiss zur falschen Zeit. Wer zu spät reagiert, den bestraft der konsequente Hund. Management by Motivation. Das Verständnis für den Hund fängt damit an, dass man ihn überhaupt kennt.

Der Hund hat sich an uns Menschen angepasst - wesentliche Kommunikations-Elemente sind reduziert. Wir müssen uns in den Hund hineinfühlen, um ihn zu verstehen. Das heißt: nicht vermenschlichend eigennützig, sondern verständnisvoll das Andere im anderen Lebewesen sehen, hören, riechen können. Dies bedeutet im übertragenen Sinne nichts anderes, als Toleranz gegenüber anderen Lebewesen zu üben. An den Körper- und Lautsignalen unterscheiden sich auch die Geschlechter und das Alter. Auch körperbauliche Typen differieren.

Das spiel auffordernde Knurren eines Herdenschutzhundes klingt viel dumpfer und tiefer, für kleinere Tiere bedrohlicher als das eines Winzlings. Der Resonanzboden des Brustkorbs macht die Töne: Bass gegen Flöte. Die Bauart bedingten Bewegungen eines Bernhardiners sind ungleich schwerfälliger als die eines italienischen Windspiels oder kleinen Terriers. Herdenschutzhunde wirken nur schwerfällig. Die Spielaufforderung eines extrem niederläufigen Dackels ist wesentlich schlechter ausgeprägt als die eines hochläufigen Hetzhundes. Der Dackel hat nur wenige Zentimeter, um mit dem Vorderbau Bodenkontakt aufzunehmen als ein Hund, der 80 Kilo oder/und 80 Zentimeter Schulterhöhe misst. Hunde in ihrer angezüchteten oder natur belassenen Vielfalt verhalten sich art- und aufgabengemäss. Die beiden Extreme Jagdteckel und Irish Wolfhound machen es deutlich. Die Beispiele Schlittenhund oder stehohrige Schäferhunde zeigen viel deutlicher Mimiken und Gesten als ein um die Signale Haare, Rute oder Ohren gebrachter Hund. Bei einem Lefzenmonster (meist Molosser) oder mit Überfell verdeckten Fang ein drohendes Fletschen zu erkennen, ist fast unmöglich, wenn da nicht der Ton dazukäme. Das Kupieren von Ruten und Ohren, ein mimik- und sicht behinderndes Überfell, Sichtbehinderungen oder unbiologische Kopfformen, Nasenraum-Rückbildungen, und ähnliche züchterische Exzesse behindern nicht nur den Hund in seiner Kommunikationsfähigkeit, sondern auch den Menschen, der einen fremden Hund beurteilen will und muss. Selbst ein ausgebildeter Hund gibt deutlichere Signale von sich als ein dumm gehaltener. "Ausbildung" ist auch wörtlich zu verstehen.

Wir müssen also zunächst einmal unseren eigenen Hund kennen und verstehen lernen. Dann können wir beginnen, ihm unsere Sprache beizubringen. Wir erleichtern dem Hund das dadurch, dass wir unsere Gestik, Mimik und Sprache unter Kontrolle halten. Alles, was wir sagen und tun, müssen wir auch genau so meinen. Der Hund kann mit "wasch mich - aber mach mich nicht nass" nichts anfangen. Er braucht eindeutige Signale.
Der Hund beobachtet uns hervorragend - er deutet für sich jede unserer noch so kleinen Gesten, jede Veränderung unserer Mimik und jede noch so winzige Veränderung in unserer Stimme. Dementsprechend reagiert er auch.

Bringen wir unserem Hund die Sprache mehr spielerisch bei (tun mit ihm Dinge, die ihm Spass machen, belohnen durch Spiel, durch unsere offen gezeigte Freude) und gehen freundlich mit ihm um, so lernt der Hund am liebsten und schnellsten. Da ist er von uns Menschen gar nicht so verschieden.



11.7.07 08:35, kommentieren